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Erfahrungen und Reflektionen zum 100. Katholikentag in Leipzig

Katholiken in der Welt: 

Bericht über die Juni-Veranstaltung des Fuggerbundes Münster mit  

ZdK-Präsident Prof. Dr. Thomas Sternberg 

 

 

In einem frei gehaltenen, informativen Vortrag spannte Freund Prof. Dr. Thomas Sternberg einen Bogen vom ersten Katholikentag 1848 in Mainz zum 100. 2016 in Leipzig und darüber hinaus bis zum 101., der 2018 in Münster stattfinden wird. 

Sehr gute Resonanz in den Medien

Er warf zunächst einen Blick auf die Presseresonanz der Leipziger Veranstaltung, die deutlich besser gewesen sei als bei vergangenen Katholikentagen. Im Fernsehen habe Leipzig eine außergewöhnlich große Medienresonanz gehabt und selbst kirchenkritische Blätter hätten mit Schlagzeilen wie „Mit dem politischen Katholizismus ist wieder zu rechnen“ (TAZ) und „Klare Kante – neue Hoffnung“ (Publik Forum) positive Kommentare abgegeben. Negativ seien eigentlich nur die Kommentare in der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung gewesen, wobei ersterer definitiv schon vor der Veranstaltung geschrieben worden sei.  

Ein wichtiger Grund für die hohe öffentliche Aufmerksamkeit sei natürlich die Debatte um die Nichteinladung der AfD gewesen. Diese Entscheidung sei, so Sternberg, bereits durch seinen Vorgänger Aloys Glück getroffen worden und er habe keinen Grund gehabt, sie zu revidieren, schon gar nicht nach den Äußerungen führender AfD-Funktionäre zum angeblichen Recht auf Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge. 

Die Positionierung in dieser Frage habe eine deutliche Grundierung des Katholikentags vorgegeben mit der klaren Botschaft, dass Katholiken sich jeder Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit entgegenstellen. In den ersten beiden Tagen habe er kein einziges Interview geführt, in der er nicht auf die AfD angesprochen worden sei. Jenseits der besonderen Problematik der AfD gelte bei Katholikentagen – anders als bei Evangelischen Kirchentagen – grundsätzlich, dass politische Parteien keine eigenen Stände bekämen, weil die Standplätze für jene Gruppen reserviert seien, die irgendetwas mit Kirche zu tun hätten; deshalb habe z.B. auch die Gruppe „Homosexuelle und Kirche“ einen Stand. Die Podien seien auch nicht auf Kontroversität, sondern auf Austausch angelegt. Das habe sich bewährt. Trotzdem gebe es bei den Veranstaltungsformaten durchaus Nachsteuerungsbedarf. So seien talkshowhafte Podien mit vier bis fünf Personen schlicht langweilig, besser könne man z.B. mit Zwiegesprächen arbeiten. 

Die Entscheidung für Leipzig war richtig

Die Entscheidung, den Katholikentag in diesem Jahr in Leipzig zu veranstalten, sei richtig gewesen. Der 100. Katholikentag habe bewusst in einer völlig anderen Atmosphäre stattfinden sollen als der erste in Mainz 1848. In der Rückschau sei Leipzig eine gute Wahl gewesen, denn die Stadt habe in mehrfacher Hinsicht gut funktioniert. Leipzig sei eine Stadt mit einem Katholikenanteil von 4,3%, wobei dieser sich in den letzten Jahren von 3,8% sogar deutlich gesteigert habe. Der Gesamtanteil der Getauften liege bei 20%, die anderen 80% sagten von sich, sie seien „normal“. Eine Konsequenz dieser Konstellation sei, dass Kirche in einer solchen Stadt nicht ihre eigenen internen Probleme zum Kern ihrer Katholikentags-Botschaft machen könne, sondern ihre Position als Kirche in einer säkularisierten Welt bestimmen müsse. 

Positiv ausgewirkt habe sich, dass Leipzig als alte Messestadt seit jeher auf Gäste eingestellt sei, auch der übliche städtische Zuschuss sei im Rat der Stadt ohne Probleme bewilligt worden. Der Oberbürgermeister habe betont, die positive Medienberichterstattung über die Stadt sei mit Geld „gar nicht zu bezahlen“. 

Insgesamt seien rund 50.000 Katholikentagsbesucher gezählt worden, die sich unter dem Leitwort „Seht, da ist der Mensch“ versammelten. Dieses Leitwort – das biblische „Ecce Homo“ des Pilatus – habe eine wichtige theologische Aussage gehabt und den Blick auf Jesus Christus als den Gefolterten und Leidenden gelenkt. 

Ein Rückblick auf 100 Katholikentage

Nach diesen Reflexionen über den aktuellen Jubiläums-Katholikentag warf der Referent einen Blick zurück auf die Geschichte und Entwicklung dieser Veranstaltungen. Die ersten Katholikentage hätten im 19. Jahrhundert noch jährlich stattgefunden, dann sei der Wechsel zur Zweijährigkeit erfolgt. Anfangs seien es die Generalversammlungen der in der Revolution von 1848 entstandenen bürgerlich-katholischen Piusvereine gewesen, die in ihren Generalversammlungen auch Beschlüsse gefasst hätten. Aus diesen Vollversammlungen entwickelte sich dann das ZdK, das nota bene älter als alle kommunistischen Zentralkomitees sei und sie alle überlebt habe. 

Die Präsidenten des ZdK seien bis 1968 immer Adlige gewesen, darunter gleich drei „Fürsten zu Löwenstein“. Erst auf dem „Revolutions-Katholikentag“ von 1968 in Essen sei mit Albrecht Beckel zum ersten Mal ein Bürgerlicher Präsident geworden. Ihm folgten Bernhard Vogel, Hans Maier, Rita Waschbüsch, Hans-Joachim Meyer als erster Ostdeutscher und 2009 dann Aloys Glück. Seit November 2015 bekleidet Freund Sternberg dieses Ehrenamt. 

Im Grundsatz seien Katholikentage Veranstaltungen der katholischen Laien, die in den ersten Jahren kein Bischof besuch habe. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sei ursprünglich die Zusammenfassung der Verbände und Vereine der Katholiken in Deutschland gewesen. Diese bilden auch heute noch eine Säule: 97 Mitglieder werden von den 130 Mitgliedsverbänden in die Vollversammlung gewählt. Darunter ist auch das Cartell Rupert Maier. Eine zweite Säule bilden 84 Mitglieder, die aus den Diözesanräten der deutschen Bistümer gewählt werden. Drittens werden 45 Mitglieder als Einzelpersönlichkeiten hinzugewählt, darunter befinden sich prominente Politiker wie die Ministerpräsidenten Kramp-Karrenbauer, Haseloff und Kretschmann, NRW-Schulministerin Löhrmann, Bundestagsvizepräsident Thierse oder auch Philosophen wie Hans Jonas und Journalisten wie Peter Frey (ZDF). 

Der 101. Katholikentag ist in Münster

Münster sei in den vergangenen 160 Jahren dreimal Katholikentagsort gewesen: 1852, 1885 und – nachdem der geplante Katholikentag 1914 kriegsbedingt ausgefallen war – zuletzt 1930. Eigentlich stehe die Stadt schon lange wieder auf der Liste, aber Bischof Lettmann habe wenig von der Idee gehalten, deshalb sei Münster erst jetzt wieder für 2018 benannt worden. 

Die Vorbereitung des münsterischen Katholikentags wird in den Händen eines zehnköpfigen Leitungsgremiums liegen, das sich am 29. Juni konstituiert (hat). Es wird paritätisch aus Vertretern des ZdK und der örtlichen Diözese besetzt. Das Gremium legt zunächst einmal fest, welche Arbeitskreise gegründet werden. Ein Thema liege, so Thomas Sternberg, in der Stadt des Westfälischen Friedens schon auf der Hand, zumal dieser sich 2018 zum 370. Mal jährt, während gleichzeitig der Erste Weltkrieg 100 Jahre vorbei sein wird. Mehrere Ausstellungen werden sich 2018 dem Thema widmen, u.a. im Landesmuseum „Wege zum Frieden“. Die Herausforderung für den Katholikentag werde sein, ein so gutes Wort wie Frieden so zu präsentieren, dass es noch Spannung habe. 

Politische Veranstaltungen gehören zu Katholikentagen 

Falsch sei übrigens der in der Berichterstattung kolportierte Eindruck gewesen, dass politische Veranstaltungen beim Katholikentag in Leipzig nicht gut angenommen wurden. Dies seien vielmehr quantitativ die bestbesuchten Veranstaltungen gewesen. Ein Problem sei aber, dass politische Konjunkturen schnell wechselten, so dass lang geplante Themen manchmal an Brisanz verlören. Zudem hätten einige Veranstaltungen mit hochkarätigen Referenten unter der vielfältigen Konkurrenz des breiten Programms (600-seitiges Programmheft) gelitten. Deshalb solle künftig stärker darauf geachtet werden, dass wichtigen Veranstaltungen nicht zu viele attraktive Parallelangebote gegenübergestellt würden. Zu bedenken sei auch, dass die Katholikentage früher häufig in Messezentren mit kurzen Wegen und wenigen Alternativen stattgefunden hätten. Wenn sie jetzt in die Innenstädte verlagert seien, stünden automatisch auch die Stadt und deren vielfältige Kultur- und Freizeitangebote stärker im Fokus der Besucher. Das müsse man auch in Münster berücksichtigen, wobei er sicher sei, dass hier sehr viel mehr Tagesgäste anwesend sein werden. Wichtiger als reine Besucherzahlen sei aber, dass Katholikentage mehr als nur ein fröhliches Glaubensfest seien und auch weiterhin dem politischen Anspruch gerecht würden, den Katholikentage immer gehabt hätten (nachzulesen in Holger Arning/ Hubert Wolf: Hundert Katholikentage. Von Mainz 1848 bis Leipzig 2016). 

Er rechne damit, dass Themen wie Eine Welt und Internationale Gerechtigkeit in einer Weise wichtig würden, wie das bislang noch gar nicht absehbar war. Damit sei Kirche aufgerufen, sich in diesen Fragen zu positionieren. Die Kirchen würden zunehmend als Beiträger zu gesellschaftlicher Kohärenz angefragt. Wenn man momentan wahrnehme, so Freund Sternberg, was im Internet an Parolen hochkomme, beginne man daran zu zweifeln, dass wir in Deutschland den Geist des Nationalsozialismus wirklich überwunden haben. Er habe inzwischen über 180 Emails bekommen, die zum Teil massive Hetze verbreiteten. Es bestehe der Verdacht, dass das möglicherweise von einem Ort aus gesteuerte Fälschungen seien. Hoffnungsfroh stimme, dass es in allen Veranstaltungen der letzten Monate Beifall für klare Absagen an rechte Parolen gegeben habe. Der Referent schloss mit dem Satz: „Ich freue mich riesig auf Münster, das wird ein großes Fest.“ 

Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Thomas Sternberg noch eine ganze Reihe von Nachfragen: 

Wurden spirituelle Veranstaltungen besonders gut angenommen?

Dies sei ganz ohne Frage der Fall gewesen. Katholikentage hätten da eine wichtige Funktion, liturgische Impulse zu setzen, die in die Gottesdienste der Gemeinden übernommen werden könnten. Ein Beispiel: Wie macht man eigentlich Fronleichnam in  einer Stadt wie Leipzig? Die Antwort: eine Kerzenprozession ohne jeden Pomp. Auch im Schlussgottesdienst habe es nicht wie sonst eine Riesenphalanx von Bischöfen auf der Bühne gegeben. Spiritualität und Politik sollten keine Gegensätze sein, man müsse streiten und hinterher gemeinsam einen Gottesdienst besuchen können. 

Wie sah es mit der Gastfreundschaft in Leipzig aus?

Es stimme, dass weniger Quartiere als benötigt bereitgestellt worden seien. Das Problem sei gewesen, dass für alle Quartiere eine unentgeltliche Bereitstellung erwartet worden sei. Das sei in einer Stadt, die nicht katholisch geprägt ist, ein Fehler gewesen. Schön sei gewesen, dass von den 600 Personen, für die Betten fehlten, 596 die Unterbringung in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge akzeptiert hätten, das habe auch als gutes Signal nach außen gewirkt. ?

Wie wurde der Stand des Cartells Rupert Maier angenommen?

Monika Appler antwortete als beteiligtes Teammitglied, dass der Stand wesentlich vom münsterischen Fuggerbund betreut worden sei. Obwohl der Stand etwas abseits gelegen habe, habe es durchgängig Besuche und Gespräche gegeben. Eine gute Idee sei die Verteilung kleiner Salztütchen mit der Aufschrift „Ihr seid das Salz der Erde – CRM“ und des neuen Flyers gewesen. Sie sprach sich dafür aus, das Cartell auch in Münster mit einem Stand vertreten sein zu lassen. Der Fuggerbund könne wieder die Organisation übernehmen. Wichtig sei aber auch die Einbindung anderer Gilden. „Vielleicht wird es ein Projekt der westfälischen Gilden“, kommentierte sie später. 

Wie war der Altersdurchschnitt des Katholikentages in Leipzig?

Diese Frage beantwortete Freund Sternberg dahingehend, dass Katholikentage zwar seit Freiburg 1978 über viele Jahre ganz wesentlich Veranstaltungen von und für junge Leute gewesen seien. Dies habe sich wieder ein Stück weit geändert. 

Es gebe aber nach wie vor sehr viele junge Teilnehmer, auch unter den 1.400 Helfern. Freund Kessmann unterstrich ergänzend, dass bemerkenswert viele Eltern mit ihren jugendlichen Kindern dabei gewesen seien, auch und gerade bei den politischen Veranstaltungen. 

Welche Rolle spielten in Leipzig die Ökumene und der interreligiöse Dialog und welche werden sie 2018 in Münster spielen?

Freund Sternberg betonte, dass spätestens seit 2003 (Ökumenischer Kirchentag Berlin) alle Katholikentage starke ökumenische Komponenten haben. Das Luther-Jahr 2017 werde diese Tendenz noch verstärken. So werde im September in Münster und Osnabrück ein großes Friedensfest der Gemeinschaft San Egidio stattfinden. Auch der interreligiöse Dialog spiele eine zunehmende Rolle. Seit Jahrzehnten gebe es einen Gesprächskreis Christen und Juden, seit zehn Jahren auch einen von Christen und Muslimen. Letzterer habe jüngst einen bedeutsamen Text zum Thema Gewalt in Bibel und Koran vorgelegt; mit einer klaren und eindeutigen Absage an Gewalt von beiden Seiten. Das müsse auch 2018 ein wichtiges Thema sein. Der nächste Ökumenische Kirchentag nach Berlin und München werde vermutlich 2021 in Frankfurt stattfinden. Es gebe übrigens auch Überlegungen in Richtung eines europäischen Katholikentags, dies sei aber konzeptionell noch eine „Baustelle“. ?Freund Sternberg schloss mit der Aussage einer Frau, die er bei der Heimreise aus Leipzig getroffen habe: „Ich fahre richtig glücklich nach Hause, ich weiß wieder, warum ich katholisch bin!“ Wenn das, so Sternberg, auch im Hinblick auf die politischen Aussagen des Katholikentags von Erfurt ein Resümee sei, dann nehme er das als eine wichtige Botschaft. „Bei aller Unterschiedlichkeit haben wir als Katholiken eine politische Grundposition, die menschenverachtende Grenzüberschreitungen ausschließt.“

Prof. Dr. Markus Köster    07/2016

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