| aus den Freundeskreisen | Dr. Harald Rieger, Von Ketteler-Gilde (Frankfurt)

Die Basler Kupferstecher Merian und ihre Nachkommen im Cartell

Die Von-Ketteler-Gilde Frankfurt am Main beschäftigt sich gerne mit Themen dieser Stadt; so war im März 2018 der 96 Jahre alte frühere Stadtkämmerer Dr. h.c. Ernst Gerhardt unser Gast und erzählte von den Anfängen der CDU im traditionell sozialdemokratisch geprägten Frankfurt. Ein früherer Vortrag unseres Vorsitzenden Dr. Sawa Ganowsky stellte die Geschichte der Fliegerei in Frankfurt und ihres Rhein-Main-Flughafens dar.

Am 27. Februar 2018 profitierten wir davon, dass unser Gildefreund Heinz Hupfer ein direkter Nachkomme des berühmten Basler Kupferstechers Matthäus Merian d. Ält. und seiner Tochter Maria Sybilla Merian ist. Merian wurde 1593 in Basel geboren, heiratete 1617 die Tochter des Verlegers und Kupferstechers Theodor de Bry und zog 1623 nach Frankfurt. Dort übernahm er den Verlag seines zwischenzeitlich verstorbenen Schwiegervaters und führte ihn als Merianverlag weiter.

Merian hatte in Basel das Handwerk des Kupferradierers und Kupferstechers erlernt und 1615 seinen ersten Städtekupferstich, und zwar der Stadt Basel, geschaffen, der ihn und seine Kunst in ganz Deutschland berühmt machte. In diesem Städtekupferstich wie auch in seinem detaillierten Stadtplan von Frankfurt 1628 stellte er die Städte mit einer fast fotografischen Bildhaftigkeit und Präzision dar. Die abgebildeten Städte betrachteten die Stiche auch als Werbung, weswegen die Städte nicht nur Haus für Haus originalgetreu dargestellt werden, sondern auch in einer idealisierten Form, also ohne „Prekariat“, die Häuser frisch gestrichen und die Stadt umgeben mit makellosen (oft gar nicht vorhandenen) Festungsbauten. Insgesamt existieren 16 Bände mit Städteansichten von Merian (Topographia Germaniae).

Merian schuf aber nicht nur Städteansichten, sondern veröffentlichte in seinem Verlag unter dem Titel Theatrum Europaeum auch Schlachtenbilder, z.B. über die Schlacht bei Höchst zwischen dem protestantischen Herzog Christian von Braunschweig und dem kaiserlichen Feldherrn Tilly (die letzterer gewann).

Darstellungen von bürgerlichen Häusern und Gärten sowie nicht weniger als 157 Kupferstiche mit Darstellungen zum Alten und Neuen Testament runden sein Werk ab. Frankfurt wurde nicht zuletzt durch Merian zu Deutschlands führendem Druckort vor Leipzig und Köln.

Merian war, wie sein Schwiegervater, Theodor de Bry, ein sehr frommer Cal- vinist und hatte deswegen im lutherischen Frankfurt immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Das heute so liberale Frankfurt verfolgte seit 1554 obrigkeitlich die Calvinisten und Hugenotten. Erst unter napoleonischer Herrschaft wurden durch das Toleranzedikt des Fürstbischofs/Großherzogs von Dalberg von 1806 und das Schulgesetz 1812 Calvinisten, Katholiken und Juden wieder zum Gymnasium zugelassen; katholische Gesellen durften danach den Zünften angehören und ihre Meisterprüfung ablegen.

Merian ist in Frankfurt begraben. Ein Platz, eine Straße und eine Schule führen seinen Namen, ebenso wie in Seligenstadt, Oppenheim und vielen anderen deutschen Städten.

Während Merian auch heute noch, vor allem durch seine Städteansichten, sehr bekannt ist, gilt das nur in eingeschränktem Maß für seine ebenso reich an wissenschaftlichen und künstlerischen Gaben reiche Tochter Maria Sybilla Merian, seine Tochter aus zweiter Ehe.

Maria Sybilla Merian begann bereits mit 11 Jahren künstlerisch zu malen, lernte neben Latein für wissenschaftliche Arbeiten auch das Kupferstechen und –radieren und befasste sich mit Botanik und Zoologie. Sie heiratete mit 18 Jahren 1655 den Maler und Kupferstecher Johann Andreas Graff und zog mit ihrer Familie 1670 nach Nürnberg. Dort entwickelte sie sich zu einer der bedeutendsten Blumenmalerinnen und zur Lehrerin für Malen und Sticken. 1675 und 1680 erschienen der erste und zweite Teil ihres „Blumenbuchs“ anhand von eigenen Beobachtungen und fremden Vorlagen. 1685 verließ sie 38-jährig nach zwanzig Ehejahren mit ihren Töchtern ihren Ehemann und schloss sich einer spiritualistischen pietistischen Sekte mit urchristlichen Idealen (Kommune) in Holland an. 1692 wurde sie von ihrem Ehemann geschieden. In der Folgezeit trat sie eine zweijährige Forschungsreise (1699 – 1701) nach Surinam an. Ihr fünftes Buch mit dem Titel „Der surinamesischen Raupen Wunderbare Verwandlung und Sonderbare Blumennahrung“, 1705 erschienen, ist die Frucht dieser Forschungsreise.

Trotz ihrer wissenschaftlichen Bedeutung und einzigartigen darstellerischen Fähigkeiten blieb Maria Sybilla Merian im Gegensatz zu ihrem Vater der finanzielle Erfolg ihres Talents versagt. Nach einem Schlaganfall und zwei Jahren im Rollstuhl verstarb sie 1717 verarmt in Amsterdam in ihrem 70. Lebensjahr.

Ihre nicht nur wissenschaftlich genauen, sondern auch höchst ästhetischen Blumen- und Insektenbilder waren bis Januar 2018 Gegenstand einer großen Ausstellung im Frankfurter „Städel“, der Gemäldegalerie der Stadt Frankfurt.

Der Vortrag von Freund Hupfer basierte auf einer umfassenden und historisch gut abgesicherten Recherche zu seinen berühmten Vorfahren und wurde daher von den Gildefreunden mit großem Beifall aufgenommen.

Willkommen im Cartell Rupert Mayer Mitgliederbereich

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