| Politik/Gesellschaft | Christoph Neuhaus

Die digitale Bildungsrevolution

Der Stanfort-Professor Sebastian Thrun (geboren in Solingen) dachte im Herbst 2011 nach über Alternativen zu Vorlesungen vor ca. 50 mehr oder weniger motivierten Studierenden an der Elite-Universität in seinem Kurs „Einführung in die künstliche Intelligenz“.  Mit diesem Forschungsschwerpunkt leitete er neben seinem Lehrauftrag noch das berühmte Forschungslabor „Google X“ in Silicon Valley.

Die These: Das Thema ist für viel mehr Lernende von Interesse. Das Experiment: Ein offenes Online-Angebot. Das Ergebnis: Bei 160.000 Einschreibungen aus 190 Ländern wird der Zugang geschlossen. Es folgten drei Monate Vorlesungen, Übungen und  Prüfungen, alles via Internet. 23.000 Studierende bestanden die Prüfung. Keiner seiner Stanfort-„Elitestudenten“ erreichte die Spitzennote. Der beste dieser privilegierten Studierenden belegte den Platz 413 im Notenranking. Alle Aufgaben erfolgreich gelöst hatte auch Khadija Niazi aus Lahore in Pakistan. Sie war damals erst 11 Jahre. Sie hat an Thruns Online-University mittlerweile über ein Dutzend Kursangebote genutzt. Voraussetzung dafür waren lediglich ein Computer mit Internetzugang und „wirklich den Willen dazu“, wie es Khadija später in einem Interview betonte.    

Dr. Jörg Dräger berichtete sichtlich begeistert von dieser „Geschichte“. Er ließ damit die über 100 interessierten Freunde und Gäste der Altfrid-Gilde in Essen teilhaben an den Ergebnissen seiner Recherchereisen in alle Welt. Wie verändern das Internet und Big Data das Bildungswesen?  Sein Befund ist klar. „Das digitale Lernen ist unsere Zukunft. Wir müssen die ,Bildungsrevolution’ jetzt aktiv gestalten“.

Jörg Dräger gilt bei diesem Thema als einer der bundesweit führenden Experten. Er ist im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Er war Wissenschaftssenator in Hamburg. So zeigte sich auch Hans-Peter Floren, der Vorsitzende der Altfrid-Gilde hocherfreut, dass der gesuchte Redner die Einladung nach Essen angenommen habe. Der „Ruhrturm“,

Treffpunkt des Essener Freundeskreises, war auch die richtige „Location“ für dieses Zukunftsthema. Im Publikum sah man übrigens auch zahlreiche junge Zuhörer-innen und Zuhörer. 

Jörg Dräger belegte mit weiteren Beispielen eindrucksvoll die Vorteile eines digital gestützten Bildungssystems. Diese Unterrichtsmethode helfe die große mengenmäßige Herausforderung der Bildungseinrichtungen („Massifizierung“) zu bewältigen. Sie trage vor allem unter den Aspekten des Zugangs und der Kosten zur einer „Demokratisierung“ des Bildungssystem bei. Das stelle auch eine wichtige Verbindung zu Wilhelm von Humboldts großem Ziel „Bildung für alle“ dar.  Durch die Auswertung von großen individuell und kollektiv erhobenen Datenmengen werde in besonderer Weise auch eine „Personalisierung“ von Lernprozessen möglich. Das sei ein entscheidender Beitrag zur schulpolitischen Vorgabe der individuellen Förderung. Mit einem interessanten Beispiel aus der Anwendung im Mathematik-Unterricht einer Mittelschule in Brooklyn (NY) belegte er diese These. Dort erstelle der Computer über Nacht aufgrund kurzer Onlinetests bei Schulschluss ein individuelles  Curriculum für jeden Lernenden der Klasse. Damit könne am nächsten Morgen gestartet werden - mit einem spektakulären Lernerfolg.     

Jörg Dräger sprach in seinem medial bestens unterstützten freien Vortrag auch offen Probleme des digitalen Lernens an. So stellte er zunächst fest, dass die Datenanalyse nicht nur die Förderung der Lernenden ermögliche. Sie könne auch als ein Instrument zur Selektion genutzt werden. Es gebe in Zukunft den „gläsernen Lerner“. Weiterhin betonte er, dass aus Big Data auch eine „Datenkrake“ werden könne. „Wem gehören meine Daten?“ Hier erkannte er noch eine große Aufgabe für den Gesetzgeber.  Schließlich sah Jörg Dräger Probleme bei der „digitalen Kompetenz“ vieler, vor allem junger Menschen. Wenn das Internet nicht sinnvoll genutzt werde, dann drohe die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft weiter zuzunehmen. 

In der  anschließenden Frage- und Diskussionsrunde belegte der Referent seine hohe Professionalität. Engagiert reagierte er auf die eher kritischen  Beiträge. Die Funktion  der Eltern und Lehrenden in den neuen Lernprozessen, die Vermittlung von Haltungen und Werten, das Lernen bestimmter fachlicher (z. B. juristischer) Kompetenzen, die Gewährleistung des Datenschutzes und der Mangel an erziehungswissenschaftlicher Begleitung der digitalen „Bildungsrevolution“ wurden u. a. thematisiert. 

Hans-Peter Floren konnte nach einem spannenden Themenabend Dr. Jörg Dräger unter lebhaftem Beifall des Auditoriums mit heimatkundlicher Literatur als Dank verabschieden. Bei dem in Essen traditionellen Currywurst-Snack wurde anschließend im „Ruhrturm“ noch länger diskutiert. Regen Zuspruchs erfreute sich auch der mittler-weile in 2. Auflage vorliegende Band „Die digitale Bildungsrevolution“, den 

Jörg Dräger mit Ralph Müller-Eiselt geschrieben hat (DVA, ISBN 978-3-421-04709-0, € 18,50).   

 

 

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