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Papst Fanziskus hat ein Heiliges Jahr ausgerufen – Ein Jahr der Barmherzigkeit

Papst Franziskus hat am 13. März 2015 Jahr der Barmherzigkeit als Heiliges Jahr angekündigt. Am 11. April 2015, dem Vorabend zum Sonntag der Barmherzigkeit (den schon sein Vorgänger Papst Johannes Paul II eingeführt hat) hat er dann dieses Jahr feierlich aller Welt verkündet mit der Bulle:  Misericordiae Vultus, d h. das Gesicht der Barmherzigkeit.

Dieses Jahr soll beginnen am 8. Dezember 2015, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens und dauern bis zum 20. November 2015, dem Christkönigssonntag.

Der Anfang des Jahres der Barmherzigkeit, der 8. Dezember ist so gewählt, weil dieser Tag an das Ende des 2. Vatikanischen Konzils erinnern soll, das genau 50 Jahre vor diesem Tag zum Abschluss gekommen ist. Es ist dies eine zweifache Erinnerung: einmal soll an das Konzil als Heilmittel der Barmherzigkeit (so Johannes XXIII) erinnert werden, und zum zweiten nimmt es auch Bezug auf die Zahl 50, die für die heiligen Jahre  von jeher eine große Rolle gespielt hat.

So möchte ich versuchen einen Aspekt der Barmherzigkeit zu beschreiben und zwar „Barmherzigkeit im Neuen Testament“ gleichsam als Grundlage für das Heilige Jahr. In drei Punkten möchte ich diesen Schachverhalt darstellen:

a) Die Wunder Jesu.

b) Was Jesus über die Barmherzigkeit sagt.

c) Wie Menschen die Barmherzigkeit Jesu anrufen. 

 

a) Jesu Barmherzigkeit und seine Wunder.

Jesus führt die Barmherzigkeit Gottes in seinem Erdenleben weiter. Und zwar vor allem durch seine Wunder.

Also zunächst ganz klar im Voraus: Ich glaube an Wunder, aber ich habe dabei doch auch immer im Hinterkopf die Frage: Warum hat Jesus überhaupt Wunder gewirkt, also eingegriffen in das Weltgeschehen? Warum hätte er denn überhaupt eingreifen sollen, wo Gott sich doch schon 13,5 Milliarden Jahre darum bemüht hat, dass die Natur, (die er ja schließlich selber geschaffen hat) solche Sachen selber in Ordnung bringt. Er hat ihr ja wirklich Zeit gelassen, muss man schon sagen, bis wir Menschen aus dieser Evolution so langsam herausgekrabbelt sind.  Warum also sollte er auf einmal direkt eingreifen durch seine Wunder? 

Nun, nach unseres Glaubens Lehren ist Gott selber Mensch geworden. Eine größere Einmischung kann man sich ja wohl nicht vorstellen. Und bei dieser Geschichte seiner Geburt ist dann auch gleich am Anfang schon der Satz gefallen: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Seine Menschwerdung ist also das eigentliche Wunder. Das Grundwunder. Und alle anderen Wunder sind ohnehin gleichsam nur Ableger davon.

Nun habe ich einmal ganz einfach die Wunder Jesu im NT gelesen und nach einer gemeinsamen Wurzel gesucht. Also nach dem Warum. Warum er überhaupt Wunder gewirkt hat. Wo er doch wusste, dass auch jene, die er von den Toten auferweckt, wieder sterben werden. Und ich meine, ich habe eine solche Wurzel gefunden, also einen Grund, warum er immer wieder „das Unmögliche möglich gemacht hat“.

Und der Grund für die Wunder ist (meiner Meinung nach) das Mitleid Jesu, seine Barmherzigkeit. Er heilt nicht alle. In den Geheilten soll das, in Ihm nahe gekommene Reich Gottes aufscheinen.

Hier einige Beispiele, für diesen Zusammenhang zwischen Wunder und Barmherzigkeit.

Ein Aussätziger kam zu Jesus. Und Jesus hatte Mitleid mit ihm. (Mk.1,40)

Als Jesus aus dem Boot ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren. (Mt. 14.14)

Zwei Blinde kamen zu Jeus. Da hatte er Mitleid mit ihnen. (Mt. 20,34)

Vor der Brotvermehrung: Ich habe Mitleid mit diesen Menschen. Sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. (Mt. 15,32)

Als Jesus ausstieg und die Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keine Hirten haben. (Mk. 6,34)

Nain: Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr. (Lk. 7,13)

Und so scheint es mir, dass man vielleicht sagen kann und darf, dass  aus reinem Erbarmen plötzlich die göttliche Kraft, die sonst in Jesus ja fast gänzlich verborgen war, gleichsam übergeflossen ist und seine menschlichen Grenzen überschwemmt hat. Aus dem Menschen Jesus  ist also in solchen Augenblicken gleichsam ein Stück der Schöpferkraft Gottes durchgebrochen. Und die Leute staunten nur noch und sagten, der redet, wie einer, der Vollmacht hat.

 

b) Was Jesus über die Barmherzigkeit sagte:

Soweit der barmherzige Jesus selber in seinen Wundern. Als nächstes will ich erläutern, welchen Platz die die Barmherzigkeit in der Predigt Jesu einnimmt:

Schon in seiner „Regierungserklärung“, in der Bergpredigt, sagt es Jesus in den acht Seligpreisungen. Und das klingt bereits wie eine Überschrift über seine ganze Lehre und sein Leben:  Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Mt. 5,7) 

An die erste Stelle seiner Darlegung der Barmherzigkeit Gottes gehört das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Jesus schildert uns seinen Vater als den barmherzigen Gott.  „Der Vater sah ihn (den verlorenen Sohn)  schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lk. 15,20)

In diesem Gleichnis ist es Gott, der über alle Maßen barmherzig ist. Doch das ist nur die halbe Geschichte. Jesus will nicht nur erzählen, wie gut und barmherzig sein himmlischer Vater ist, sondern dass jetzt wir Menschen dran sind mit der Barmherzigkeit. Dass wir den barmherzigen Vater im Himmel nachahmen sollen. Das klingt nun wirklich wie eine totale Überforderung von uns Menschen, wenn es da heißt: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“ (Lk. 6,36)

Es gibt noch eine Stelle in der Heiligen Schrift, die uns Menschen völlig zu überfordern scheint: Und dieses Wort heißt: „Seid also vollkommen, wie auch unser himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Mt. 5,48)

Diesen Übergang vom barmherzigen Gott zum barmherzigen Menschen hat Jesus dann geschildert in dem Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger (Mt. 18,23). Da heißt es als Quintessenz:

 „Deine ganze Schuld habe ich Dir erlasen, weil Du mich angefleht hast. Hättest nicht auch Du mit jenem, der gemeinsam mit Dir in meinen Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich Erbarmen mit Dir hatte?

Doch der Gipfel dessen, wie die Barmherzigkeit des Menschen aussehen kann und soll, ist dann in dem weltberühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter. (Lk 10,25 ff) erzählt.  Wir kennen die Geschichte, deshalb will ich sie auch hier nicht nacherzählen. Aber ich will doch auf den wichtigsten Satz verweisen. Und das ist zugleich einer der wichtigsten Sätze unseres Glaubens überhaupt.

Jesus fragt den Gesetzeslehrer: Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“ (Lk.10:36-37)  

Im Gleichnis vom Endgericht wird sodann bis ins Einzelne ausbuchstabiert, was es heißt, sich barmherzig gegenüber dem Nächsten zu verhalten. Die christliche Frömmigkeit und Theologie hat daraus jene sieben Werke der Barmherzigkeit abgeleitet, die das Christentum durch seine ganze Geschichte begleitet haben und die im Grunde die Magna Charta der Caritas sind.

 

c) Wie Menschen die Barmherzigkeit Jesu anrufen.

In den folgenden Stellen zeigt sich wer die Menschen sind, die Jesus um etwas bitten und mit welchen Worten sie es tun. Es sind Menschen, die krank sind, an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, Menschen, die wohl um ihre Würde wissen, deren Würde  aber von den  anderen nicht ernst genommen wird. Was ist all diesen Menschen gemeinsam? Die einen werfen sich ihm zu Füßen, die anderen sprechen ihn klar mit Kyrios: Herr, erbarme dich! an. Sie haben ein schier unermessliches Vertrauen, ja sie setzen auf Ihn, koste es was wolle. Ja sie setzen sich auch der Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten aus, wissend, dass sie in ihrem Zustand eigentlich Jesus nicht ansprechen dürften, geschweige mit ihm reden.

Zwei Blinde: „Hab Erbarmen mit uns Jesus!“   (Mt. 9,27)               

Kananäische Frau: „Hab Erbarmen mit mir Herr!“ (Mt. 15,21)

Vater des mondsüchtigen Jungen: „Herr, hab Erbarmen mit meinem Sohn“.(Mt. 17,14)

Bar Timäus: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“  (Mk. 10, 47)

Die Aussätzigen: „Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Lk. 17,13)

Die Frau, die am Blutfluss litt: „Wenn ich nur den Saum seines Gewandes berühre.“

(Lk 8,44)

Der Synagogenvorsteher, der für seine Tochter bittet. „Da kam ein Mann namens Jairus, der Synagogenvorsteher war. Er fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen.“

(Lk 8,41)

Nachtrag: Gedacht als kleine Übung für die Praxis der Werke der Barmherzigkeit für heute.

Die Werke der Barmherzigkeit  sind hinlänglich bekannt, einfach nochmals zur Erinnerung.

Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit

1. Hungrige speisen  2. Durstigen tränken  3. Fremde beherbergen  4. Nackte kleiden 

5. Kranke pflegen  6. Gefangene besuchen  7. Tote bestatten

Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit

1. Irrende zurechtweisen  2. Unwissende lehren 3. Zweifelnden recht raten  4. Trauernde trösten 5. Lästige geduldig ertragen 6.  Denen, die uns beleidigen, gern verzeihen   7. Für Lebende und Tote beten

Die Sieben Werke der Barmherzigkeit  für heute.

Bei der Eröffnung des Elisabeth-Jahres am 18.11.2006 im Erfurter Dom hat Bischof Joachim Wanke „Sieben Werke der Barmherzigkeit für ‚Thüringen‘ heute“  bekannt gegeben, die aus einer Umfrage im Bistum Erfurt, welches Werk der Barmherzigkeit heute besonders notwendig sei, entstanden sind. Dabei handelt es sich um „sieben Angebote, sich sehr konkret auf den Geist und die Gesinnung der heiligen Elisabeth einzulassen“, sagte der Bischof.  So lauten die „Sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute“! 

1. Du gehörst dazu 2. Ich höre dir zu   3. Ich rede gut über dich  4. Ich gehe ein Stück mit dir      5. Ich teile mit dir   6. Ich besuche dich   7. Ich bete für dich

Außerdem finden sich Gedankenanstöße für die politische Praxis der Barmherzigkeit.  Das Seelsorgeamt des Bistums Erfurt hat zu den „Sieben Werken der Barmherzigkeit für Thüringen heute“ ein Leporello unter dem Titel „Sei barmherzig wie der Vater im Himmel“ erstellt, der im Elisabeth-Jahr in den Gemeinden und an Interessierte verteilt wurde.    

Was sind Werke der Barmherzigkeit ?

Du gehörst dazu       Ich höre dir zu        Ich rede gut über dich

Ich gehe ein Stück mit dir       Ich teile mit dir  Ich besuche dich     Ich bete für dich

Rosen der Liebe - Die 7 Werke der Barmherzigkeit heute (Rosenwunder der Hl. Elisabeth)

Du gehörst dazu  Auch wenn du vielleicht nicht „in“ bist, auch wenn du dich überflüssig fühlst, auch wenn du nicht mithalten kannst:

Für Gott bist du kostbar und wertvoll! Und das will ich dich spüren lassen.

Ich höre dir zu  Auch wenn so vieles mich ablenken will, auch wenn ich gern lieber selbst reden würde, auch wenn ich selbst „randvoll“ bin: Du bist mir wichtig! Und das will ich dir zeigen, indem ich dir aufmerksam zuhöre.

 Ich rede gut über dich  Auch wenn die anderen losschimpfen,  auch wenn es mir schwerfällt, nicht mitzumachen, auch wenn ich deine Schwächen kenne: Ich weiß um deine Würde!  Und deshalb will ich das Gute in dir sehen und zur Sprache bringen.

 Ich gehe ein Stück mit dir  Auch wenn es mich etwas kostet, auch wenn ich selbst Sorgen genug habe, auch wenn ich selbst nach dem Weg suchen muss: Ich will dir Nähe schenken.  Und darum begleite ich dich.

Ich teile mit dir Auch wenn ich selbst nicht viel habe, auch wenn es einen Verzicht bedeutet, auch wenn ich nicht weiß, wie du reagieren wirst:

Ich will mir deine Not zu Herzen gehen lassen. Und deshalb gebe ich dir etwas von mir.

Ich besuche dich  Auch wenn ich nur wenig Zeit habe, auch wenn ich mir einen Ruck geben muss, auch wenn noch so viel anderes zu tun wäre:

Du sollst wissen, dass jemand an dich denkt. Und darum mache ich mich auf zu dir.

Ich bete für dich  Auch wenn es dir vielleicht fremd ist,  auch wenn es mich Mut kostet, dir das zu sagen, auch wenn du es kaum glauben kannst: Gott hat einen Plan für dein Leben. Und ich bitte ihn, dass du seine Liebe darin entdecken kannst.

P. Linster SJ

Entnommen:
Sr. M. Caja Bernhard Aus: BEGEGNUNG  Zeitschrift aus Schönstatt für Frauen, 2/2007.

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