| aus den Freundeskreisen | Robert Reuter

„Das neue Testament – ein altes Buch?“

Die Bochumer Alfred Delp Gilde hat eine neue Vortragsreihe zum „Neuen Testament“ aufgelegt. Den Auftakt machte Gildefreund Prof. Dr. Stefan Böntert mit seinem Vortrag „Warum das Neue Testament nicht alt werden kann“: Das Neue Testament - als Teil der Bibel - ein altes Buch aus längst vergangenen Tagen? - Was sagt es uns in unserer so ganz anderen Zeit?

Anhand von Beispielen aus Bildender Kunst, Literatur - selbst „Musicals“, die sich mit Themen des NT auseinandersetzen, zeigte uns der Referent eingangs die fortdauernde Aktualität dieser Themen, ihre Fortschreibungen in unsere Zeit, in den aktuellen Auseinandersetzungen mit den in ihnen thematisierten Menschheitsfragen und ihrer Rezeption.

Das reicht bis in den längst weitgehend unbewussten Sprachgebrauch: „Auf Herz und Nieren prüfen“ (AT), „Talente“ (Gleichnis aus NT) bis in die Sprache der Werbung des DRK: „Mein Blut für Dich“(Luk. 22,20).

Die gottesdienstlichen Feiern aller christlichen Konfessionen sind bezogen auf das Neue Testament . Es ist die Grundurkunde des Glaubens, die Christen verbindet über alle Konfessionsgrenzen und seit der Spätantike über mehr als 1000 Jahre hinweg - soweit sie sich am NT orientieren. Die Differenzen der Konfessionen entwickeln sich aus der Frage, wie das NT zu lesen und zu interpretieren ist - unter  welchem Vorverständnis - aus welcher kulturellen Tradition.

In diesem Diskurs ist das NT ebenso Norm wie Impuls für Konflikt.

Im Rahmen des Entwicklungsprozesses des menschlichen Bewusstseins kann es kein Ende geben in dem Diskurs der Auslegung - das NT bleibt ein stets aufs Neue auszulegender Text, der zu neuem Denken führt.

Fünf Themenkreise im Neuen Testament

Im Folgenden behandelte Freund Böntert 5 Themenkreise zum Neuen Testament:

1) Die Architektur des NT

2) Das Verhältnis von Altem und Neuem Testament - Die Einheit der Bibel

3) Das Neue Testament als historisches Dokument

4) Neues Testament - Gottes Wort? - Menschen Wort?

5) Aktuelles: Die neue Einheitsübersetzung

 

Zu 1) Das NT ist eine literarische Sammlung von Texten über den Anspruch Jesu, die Gottesherrschaft zu bringen. Alle Texte beziehen sich auf das „Jesusereignis“. In der Spätantike entstanden - und auf den frühen Konzilien erarbeitet - gliedern sie sich in die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulinischen Briefe, die pastoralen Briefe, die Katholischen Briefe.

Sie geben Berichte und/oder haben argumentierenden Charakter. - Die „Offenbarung des Johannes“ zählt zu den „Apokalyptischen Schriften“. Die Paulusbriefe sind älter als die Evangelien.

Diese Gliederung ist theologisch, nicht historisch. Es handelt sich nicht um historische Tatsachenberichte. Ausgangspunkt und Grundlage ist der Primat Jesu. Nicht alle Texte werden von allen christlichen Konfessionen geteilt - siehe z.B. die Kontroverse mit Luther über das Verhältnis von Glauben und Werken.

Zu 2) Das Verhältnis von Altem und Neuem Testament wird wesentlich bestimmt durch die Antwort auf die Frage nach der Identität Gottes in beiden Testamenten. Im Folgenden belegt uns Freund Böntert anhand zahlreicher Textstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament, die innere Einheit beider Text-Corpora. Das NT wäre ohne das AT nicht zu verstehen. Jesus wäre selbst als Person und in seinem Wirken nicht zu verstehen ohne das Alte Testament, auf das er sich selbst immer wieder bezieht, aus dem er selbst immer wieder zitiert.

An zahlreichen Stellen beziehen sich die Autoren des Neuen auf das Alte Testament. Es soll Kontinuität hergestellt bzw. dokumentiert werden zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Das Neue Testament ist die heilsgeschichtliche Bejahung und Bestätigung des Alten Testamentes, die in der Konsequenz auch ein ganz spezielles einzigartiges Verhältnis von Christentum und Judentum durch zwei Jahrtausende begründete - einschließlich der bekannten schweren Konflikte.

Zu 3) Das NT als historisches Dokument - gab uns der Referent einen gedrängten Überblick über die Entstehungsgeschichte des Neuen Testamentes von den wohl ältesten Texten, den Paulus-Briefen, über die drei „synoptischen Evangelien“, des Matthäus, Markus und Lukas, über das 4. Evangelium, das des Johannes mit seinem bemerkenswerten hellenistisch-philosophischen Kontext - bis zu den übrigen kanonischen Schriften des NT. - Daneben ließ er uns einen kurzen Blick werfen auf eine ganze Reihe weiterer Evangelien und anderer apokrypher Texte, die nicht kanonisiert wurden. Insgesamt wurde das Neue Testament ca. im späten 3. und 4. Jahrhundert abgeschlossen und fand nach manch heftigem Streit in den christlichen Gemeinden der spätantiken Welt durch seine Apostolizität und seine Übereinstimmung mit dem Glaubensbekenntnis schließlich allgemeine Akzeptanz.

Zu 4) Das Neue Testament - Gottes Wort? Unter dieser Überschrift behandelte Freund Böntert das Spannungsfeld, in dem uns das „Wort des lebendigen Gottes“ der Liturgie begegnet zwischen Normativität und „Historisch - entstanden - sein“. Dieses Spannungsfeld wird ganz konkret sichtbar bei einem Vergleich mit der Überlieferung des Islam: Im Islam wird Gottes Wort ein Buch - der Koran. Gott hat dem Propheten den Koran in die Feder diktiert. Der Text ist unveränderbar. Im Christentum wird Gottes Wort Mensch: Jesus, dessen Worte von Menschen gehört und aufgeschrieben wurden.

Die Bibel ist Gottes Anrede an den Menschen

Die Bibel ist Gottes Anrede an den Menschen, Gottes Wort in menschlichen Worten, ein von Menschen niedergeschriebenes Glaubenszeugnis - Gottes Wort in menschlichem Gewand - im ständig sich wandelnden Gewand menschlicher Sprache als Ausdruck sich entwickelnden Bewusstseins der Menschen. - Und damit

 

zu 5) der Neuen Einheitsübersetzung, die ab Frühjahr 2017 erhältlich sein wird. Die Bibelwissenschaft schreitet voran, beflügelt auch durch neue Textfunde älterer Texte. Wir stellten schon fest: Unsere Sprache ist zeitbedingt, sie verändert sich. Zwar ist unbedingte Texttreue bei Übersetzungen als oberster Maßstab zu verlangen, ihre Grenzen werden aber nur zu bald sichtbar, wenn zwei Übersetzer unabhängig voneinander den gleichen Text übersetzen. - Gottes Wort in menschlichen Worten….Deshalb wird auch die neue Einheitsübersetzung der Bibel revidiert werden müssen - in 30 - 40 Jahren (?).

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