| Kirche | Öffentlicher-Bereich | Christoph Neuhaus

Muss die Kirche im Dorf bleiben?

Ex-Pfarrer Thomas Frings präsentiert einen wichtigen Beitrag zur Kirchenreform

"Aus, Amen, Ende ?" lautet der ostentative Titel eines Buches, das der Priester Thomas Frings jetzt vorgelegt hat. Es ist auf Anhieb in die SPIEGEL-Bestsellerliste aufgestiegen (Thomas Frings: "Aus, Amen, Ende?", Herder, ISBN 978-3-451-37797-6). Vor einem Jahr hatte der Pfarrer der Hl.-Kreuz-Gemeinde in Münster sein Amt niedergelegt und sich in ein niederländisches Kloster zurückgezogen. "So kann ich nicht mehr Pfarrer sein" lautete die Kernaussage seiner damaligen Begründung, die er mit dem Titel "?Kurskorrektur!" sehr werbewirksam überschrieben hatte. Er fand damit ein bundesweites mediales Echo.

Im Sommer 2015 hatte Thomas Frings noch einen Vortrag vor dem Fuggerbund Münster gehalten. "Mit seinem mit viel Humor, Witz und Ironie versehenen Vortrag hat uns Pfarrer Frings einen hoch interessanten Einblick in seine Arbeit als Gemeindepfarrer und Mitglied der Kunstkommission des Bistums Münster gegeben", notierte der Chronist seiner Zeit. Von Amtsverdruss war noch nichts spürbar. Ging es damals um die Kubatur und Gestaltung von Gotteshäuser, so geht es im nun vorliegenden Band um das "Innenleben" der katholischen Kirche. Nach einer interessanten Analyse diagnostiziert er, dass die klassische (= territoriale) Gemeinde eine Institution der langsam endenden "Volkskirche" sei. Er schildert sehr anschaulich seine Wahrnehmung aus dem Alltag ländlicher und städtischer Pfarreien im Münsterland. Thomas Frings beschreibt Strukturprobleme der Gemeinden als spirituelle Serviceeinrichtungen und als Institutionen des Sozialstaats. Er nimmt auch die Funktionswahrnehmung der Geweihten (= Priester) unter die Lupe. Dabei geht er als ehemaliges Mitglied des Priesterrates sehr rücksichtsvoll mit dem "Bodenpersonal" um. Umfangreicher und kritischer ist da schon Beschreibung des Verhaltens des übrigen getauften Gottesvolkes. Forderungen nach "Events" beim Sakramentenempfang (Taufe, Erstkommunion ("Grandhotel Erstkommunion"), Firmung und vor allem Hochzeit) werden mit Beispielen illustriert. Das Beharren auf tradierten Ritualen und Zeremonien zeigt er ebenfalls auf.

Den Fokus legt Thomas Frings immer wieder auf das Erfolgskriterium Sonntagsgottesdienst. Warum 90 % der Katholiken dieses Kirchengebot vernachlässigen und 70 % nicht einmal an den hohen Festtagen in die Kirche gehen, hinterfragt er freilich nicht wirklich. Eine aktuelle Umfrage könnte dabei hilfreich sein. Nur knapp 30 % der Befragten haben Vertrauen zur katholischen Kirche. Die evangelische Kirche erreicht hier fast 50 % Zustimmung. Mit fast 60 % liegt Papst Franziskus in dieser Befragung an der Spitze (zitiert nach WDR 5). Bei jungen Menschen sind die Werte für die Kirchen noch dramatischer. Und wie ist es mit dem Empfang des Bußsakraments, wenn nur die Hälfte der Priester nach einer Seelsorgestudie zur Beichte gehen (zitiert nach Frings) ? Ein Lehrer fühlt sich an Lehrerzimmergespräche erinnert, in denen bestimmte Kollegen regelmäßig Klage führen über die Lernenden und dabei das eigene Lehrverhalten geflissentlich ausblenden. Die Menschen sind nun mal wie sie sind.

Die Analyse von Thomas Frings bleibt fragmentarisch. Umso mutiger ist sein Entwurf für eine neue Gemeinde. Er nennt sie „Entscheidungsgemeinde“. Entscheidung, weil sich Menschen ohne einen gebietsmäßigen Bezug für die Mitgliedschaft in dieser Gemeinde entscheiden. Sie müssen nicht einmal christlich oder sogar getauft sein. Sie eint lediglich der Wunsch, Teil einer Gemeinde zu sein, „die auf dem Fundament von Evangelium, Glaubensbekenntnis sowie Verbundenheit mit Papst und Bischof gründet“. Diese Gemeinde gebraucht daneben noch ein Kirchengebäude, die sieben Sakramente, Wasser, Brot, Wein und Menschen als „einfache“ Mitglieder, als Seelsorge- und Organisationsverantwortliche und als zuständige Priester, da für einige Sakramente ein Kleriker benötigt wird. Das Angebot der Gemeinde orientiert sich an den Bedarfen der Mitglieder, die dies in größtmöglicher Selbstorganisation unter Beachtung der Kirchengebote für die Getauften bestimmen. Der „Priestermangel“ wird relativiert durch die Konzentration auf die pastoralen Funktionen, für die Priester ausgebildet werden. Die Leitungsfunktionen übernehmen „Profis“, die nicht mehr durch den Begriff „Laien“ diskreditiert werden. Das Ziel: Die „suchende“, nachfrage-orientierte Gemeinde, die „am Anfang (informativ ist) und ... mit jedem Schritt weiter hinein auch formativ werden (möchte) für das Leben der Menschen“. So werden die Getauften auch zu Zeugen Gottes in einer säkularen Welt. Thomas Frings beschreibt hier ein mutiges und faszinierendes Modell für eine neue Gemeinde, die die territoriale Gemeinde ergänzen oder ersetzen kann. Es ist nicht wirklich etwas total Neues. Konzepte für eine personale oder kategoriale Gemeindereform liegen vor. Einige Gemeinden haben kategoriale Elemente bereits in ihre Pastoralpläne übernommen. Auch viele positive Erfahrungen in den studentischen Gemeinden an den Hochschulorten sind hier einzuordnen. Übrigens hat Pater Rupert Mayer hier mit seiner beispielhaften Arbeit mit den Arbeitsimmigranten in München und den Bahnhofsgottesdiensten erfolgreich pastorales Neuland beschritten. Das Plädoyer eines seiner Kirche nach wie vor verbundenen  Priesters, der mit der Erfahrung eines engagierten Pfarrers zu Veränderungen aufruft, ist ein wichtiger Meilenstein in der deutschen Debatte über die notwendige Kirchenreform. Vor allem deshalb ist die Lektüre des Buches von Thomas Frings sehr empfehlenswert.

Willkommen im Cartell Rupert Mayer Mitgliederbereich

Anmelden