| aus dem Cartell | Kirche | Hans-Michael Hornberg, Vorsitzer des Cartell Rupert Mayer

Rupert Mayer SJ – Vergangenheit oder Vorbild?

„Die Herkunft eines Menschen birgt jene Voraussetzungen in sich, die zur Entfaltung des eigenen Willens und der persönlichen Freiheit führen.“

Der erste Satz aus der 443-seitigen Biographie über Rupert Mayer (RM) von Roman Bleistein SJ öffnet das Tor für ein Verständnis und eine zeitlose Beurteilung über das Wirken von RM in einer sich ständig verändernden Welt. (Pater Roman Bleistein SJ hat sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Widerstands der Jesuiten im Dritten Reich befasst. U.a. auch mit dem Kreisauer Kreis und einer Biographie über „Alfred Delp, Geschichte eines Zeugen“)

Um einen Menschen zu begreifen, muss man seinen Lebensweg kennen. Es gibt Zeitzeugen, Wegbegleiter, Freunde, die man fragen kann, die Antwort geben. Mit zunehmenden Jahren wird das schwieriger. So auch bei RM (23.01.1876 – 01.11.1945). Es gibt kaum noch echte Zeitzeugen – aber eine Unmenge von Quellen, Schriften, Aufzeichnungen.

  • Die erste Zeit – z.B. bis zum Studium ist kaum belegt. Schulzeugnisse, Beurteilungen und kleinere Berichte – wie bei vielen von uns auch.
  • Die Belege aus dem Studium, sein erster Einsatz in München – besonders aber die Zeit des 1. Weltkrieges und der Revolution in München – seine Begegnung mit dem Dichter Hans Carossa und dessen romanhafte Bearbeitung von RM, sind eine Fundgrube von Aufzeichnungen und Vermächtnissen von und über RM.
  • Im letzten Drittel seines Lebens – unter den NS-Machthabern, seinen Prozessen vor dem Sondergericht in München, die drei Verhaftungen in Landsberg, das Zellengefängnis im KZ Sachsenhausen und die Verbannung im Kloster Ettal – da war RM schon eine „öffentliche Person“ und ein Staatsfeind für die einen, ein Vorbild katholischer Lebensführung für die anderen.
    Seitenlange Protokolle, zahlreiche Predigten sind erhalten. Genug, um sich auch ohne die bei den Bombenangriffen auf München und Berlin verbrannten Akten der Gestapozentrale/München oder des Reichssicherheitshauptamtes/Berlin ein Bild vom Wirken RM machen zu können.
  • RM Tod am Allerheiligentag 1945 während der hl. Messe am Altar der Bürgersaal-Kirche und seine Verehrung durch die bayerische Bevölkerung, die schon 1950 zur Einleitung des Seligsprechungs-prozesses durch Michael Kardinal von Faulhaber führte, die dann am 3. Mai 1987 von Papst Johannes Paul II. im Münchener Olympiastadion verkündet wurde – war noch mal Anlass, das Leben von RM zu durchleuchten und sich intensiv mit ihm und seiner Leistung auseinander zu setzen.

Aus dieser Fülle von Unterlagen können hier nur einige wenige Inhalte weitergegeben werden. Dabei soll die Auswahl sich aber an den Kriterien orientieren die notwendig sind zu versuchen, die Frage zu beantworten, was an RM so faszinierend oder so menschlich ist.

  1. Aus der Familie, aus der Jugend: (1876 – 1894)

    Die Familie würde man heute mit „bürgerliche Mittelschicht“ sozial einordnen. Die Vorfahren waren noch Schmiede, Schreiner und Landwirte. Aber schon die Brüder des Vaters, RM I. (1849-1927) waren aus dem Schwarzwald ausgewandert. Einer starb 1906 in Adelaide, einer starb 1905 in Buenos Aires, der Dritte 1908 in Detroit, ein Großonkel war Weihbischof in Paris, ein Großonkel trat in Amerika in den Jesuitenorden ein. Das zeigte auch Spuren in der Familie. Z.B. war Amerika nicht weit und fremd – es gehörte vielmehr „zur Familie“ – die Onkel/Großonkel lebten ja da. Man war nicht in seiner Sicht auf die damals kleine Stadt Stuttgart reduziert – man sah über den Tellerrand hinaus. Der Vater war Kaufmann und die Mutter, Emilie Karoline (1855-1947) stammte ebenfalls aus einer bürgerlichen Kaufmannsfamilie. (Sie wurde 92 Jahre alt und hat ihren Sohn Rupert um 2 Jahre überlebt.) Beide gründeten eine Firma „Haushaltswaren Tritschler & Co“ in Stuttgart.
    6 Kinder wurden geboren. Rupert war der Zweite der Geschwister. Aus allen ist etwas geworden – wie man das so sagt:

    - Egon, der ältere Bruder, übernahm die elterliche Firma, er starb 1937
    - Hermanna, seit 1899 Sacré-Coeur-Schwester, ging 1909 nach Japan, starb 1955.
    - Hildegard führte mit ihrem Mann ein großes Kaufhaus in Stuttgart, sie starb 1958.
    - Ines heiratete einen Facharzt, Dr. Schuler, aus Ravensburg, sie starb 1961.
    - Valeria heiratete den Historiker Prof. Dr. Günther, sie starb 1941 in München.

    Eine gutbürgerliche Familie also.
    Rupert lernte reiten und Geige spielen. Die Eltern erzogen ihn und die Geschwister im katholischen Glauben – keine Selbstverständlichkeit im evangelisch geprägten Stuttgart. Im Juli 1894 machte RM das Abitur und wollte in den Jesuitenorden eintreten. Der Vater war dagegen und verlangte, dass RM erst eine anständige Ausbildung abschließt. RM immatrikulierte sich in Fribourg im Fach Theologie.

  2. Studium Vikar, Studium Jesuit (1894 – 1912)

    Die Kirche war geprägt von Papst Leo XIII. (1878-1903) und Papst Pius X. (1903-1914). Also die Zeit der Beendigung des Kulturkampfes, (1887), der Enzyklika „Rerum Novarum“ (1891) – die Suche nach einer christlichen Lösung der sozialen Probleme. 1904 Kodifizierung des kanonischen Rechts, die Enzyklika „Editae saepe Dei“ (1910) – ein Angriff auf den Protestantismus.
    RM führte ein Studentenleben – wie andere Studenten auch – nichts Auffälliges. 1895 trat er in die Studentenverbindung CV „Teutonia“ Fribourg ein. Biername: „Hannibal“. In 1895/96 – er studierte jetzt in München – wurde er Mitglied in der CV „Aenania“, und dann wechselte er nach Tübingen und trat der CV „Guestfalia“ bei.
    Sein Rektor testierte dem Studenten RM „recht guter Fleiß mit ziemlich guten Fortschritten!“ 1898 zog er in das Priesterseminar Rottenburg ein. Telegramm an die Freunde: „Hannibal post portas – Hannibal hinter Schloß und Riegel“.

    Am 2. Mai 1899 Priesterweihe.
    Bis 5. August 1900 Vikar in Spaichingen.
    Aber das war nicht das Ziel – das Ziel war der Eintritt in den Jesuitenorden. Der Jesuitenorden war durch das Jesuitengesetz, von Bismarck erlassen, auf deutschem Reichsgebiet verboten.

    RM ging nach Tisis bei Feldkirch im Vorarlberg (1900). Er musste seine philosophischen und theologischen Studien wiederholen und ging daher von Nov. 1901 bis Herbst 1004 in das Ignatiuskolleg nach Valkenburg in den Niederlanden.
    Am 2. Februar 1911 legte RM seine letzten Gelübte ab. „Coadjutor spiritualis“ war er jetzt und wurde kurz darauf in der Zuwanderungsseelsorge in München eingesetzt.

  3. München, 1. Weltkrieg, Revolution (1912 – 1933)

    Auch hier kann man RM nur aus seiner Zeit verstehen. Am 12. Nov. 1913 wurde König Ludwig III. ausgerufen – nach Prinzregent Luitpold, der noch mit königlichem Gepränge in einer Stadt der Künstler und Literaten herrschte. Ludwig Thomas (1867-1921) „Filserbriefe“ und seine Mitwirkung bei der satirischen Zeitschrift „Simplizissimus“ auf der einen Seite – oder Erzbischof Franz Kardinal von Bettinger (1850 – 1917), der sich dem sozialen Problem des Umbruchs in München stellte und Lösungen suchte und fand.
    Dabei brauchte er u.a. auch Seelsorger vom Schlag eines RM. U.a.: 
    - Die Zuwanderung war enorm (jährlich 20.000 Personen 25-40jährige Arbeiter)
    - Wohnverhältnisse entsetzlich (Schlafräume für Unverheiratete 275 Personen auf 140 Betten „Schicht schlafen“)

    Daraus erwuchs nicht nur Not des Körpers (Gesundheit/Hunger), sondern auch Not des Geistes: (Agitation, Freidenker, Sozialisten)

    RM-Methode zur Begegnung der Not:
    - Vertrauensleute als Mitarbeiter,
    - Aufklärung über die städtische Situation schon auf dem Lande
    - Hausbesuche
    - Mitarbeit in den kath. Arbeitervereinen
    - Besuch gemischter Veranstaltungen
    (hier: Treffen mit A. Hitler 1919)

    Ein umfangreiches Arbeitsprogramm: Das Menschenbild, das RM in seinen vielfältigen Aussagen vorschwebt, ist „der Mensch als Kreatur und Ebenbild Gottes“.
    Ebenbild Gottes8) – der Ausbruch des 1. Weltkrieges am 1. Aug. 1914 wurde begeistert gefeiert – auch von den Katholiken. Seine scheußliche Fratze zeigt er dann später in den Stellungskriegen. RM meldet sich sofort zur Feldseelsorge. Er wurde Divisionspfarrer der 8. bay. Division. Über den 1. Weltkrieg muss man nicht berichten. Zu zahlreich sind die Kriegsereignisse in Berichten, Protokollen, Romanen verarbeitet worden.
    RM war in all diesen Wirren Vorbild für seine Kameraden. Am 12. Dez. 1915 wurde er als erster kath. Geistlicher mit dem EK I. ausgezeichnet. – Er trug noch 4 weitere Auszeichnungen, aber auf das EK I. war er stolz. Am 30. Dez. 1916 wurde sein linkes Schienbein zerschossen mit der Folge einer Amputation.
    Erst im April 1918 wurde er aus dem Lazarett entlassen. Die „bairische Räterepublik“ (seit 7.4.1919) forderte RM’s Widerstand heraus. „Wenn keiner den Mut hat zu reden, ich muss es tun! Gott ist mit uns!“ So meldete er sich bei den Versammlungen - gefragt oder ungefragt. Am 28. November 1921 wurde RM Präses der „Marianischen Bürber-konkregation“10). Diese 1610 gegründete Kongregation engagierte sich in der Männerseelsorge.
    Unter RM wuchs sie von 2.800 Mitgliedern (1923) auf 7.000 Mitglieder (1932)
    RM war in seinem Element – Seelsorge.
    Ein Beispiel: Bahnhofsgottesdienst für die Ausflügler am Sonntagmorgen 1925 130 Gottesdienste mit 13.700 Teilnehmern, 1934 384 Gottesdienste mit 62.852 Teilnehmern.
    Gleiches ist zu sagen über caritative Hilfe, Armenpflege, Suppenküchen. Interessant: Am 11. Januar 192312) ließ die franz. Regierung französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet einmarschieren, um Reparationsverpflichtungen durchzusetzen. RM reiste im März 1923 ins Ruhrgebiet, um sich zu informieren, berichten zu können und – ohne politisch zu werden – für eine Verständigung und eine friedliche Lösung zu arbeiten.

  4. Die neuen Machthaber – Gefängnis, KZ, Verbannung (1933-1945)

    Am 30. Juni 1033 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.
    Kardinal von Faulhaber (1869-1952), Nachfolger von Kardinal von Bettinger, stand unter Beobachtung bis hin zu Hausdurchsuchungen, den Priestern ging es nichtbesser, RM wurde systematisch überwacht.
    -Predigtüberwachungen
    -Einleitung von Stafverfahren
    -Verwarnungen
    -Redeverbot
    -Verhaftung
    -Anklage.

    Ein Verbündeter in dieser Entwicklung war Kardinal von Faulhaber. Mit dem Ausspruch: „Das Wort Gottes lässt sich nicht in Fesseln legen“ (2 Tim 2,9) stellt er sich mit der berühmten „Flammenrede“14) vom 4. Juli 1937 klar hinter RM. Er hat damit auch die Grenze zwischen Staat und Kirche abgesteckt. Die Auseinandersetzung mit dem Staat eskalierte. Und RM war unbequem und unbeugsam. Wenn er das Redeverbot einhielte – kein Gefängnis, kein KZ (s.a. Pater Alfred Delp SJ) RM sollte aber auch durch einen vom Regime herbeigeführten Tod nicht zum Märtyrer stilisiert werden.

    Das Martyrium, das RM suchte, (Verhaftung, Landsberg, KZ) war die Angst des Regimes. Interessant: einige der Richter, Staatsanwälte, die RM verurteilten oder anklagten, haben nach dem Krieg herausragende Karieren in der Justiz gemachte.
    Es gibt unterschiedliche Ansätze, warum RM aus dem KZ Sachsenhausen nach Ettal15) verlegt wurde und dort vom 6. August 1940 bis 11. Mai 1945 gelebt hat (vier Jahre, zehn Monate). Bedingung für RM war,
    -Isolierung von der Außenwelt,
    -Korrespondenzverbot,
    -Nur Besuch von Verwandten,
    -Messfeier nur ohne Teilnehmer,
    -Beichte hören nicht erlaubt.

    Er nannte sich selber: „Lebend ein Toter“. Warum ist er nicht ausgebrochen? Auch im Verstummen schrie er gegen die Lüge und Unwahrheit an. Er wollte das Kloster, seine Helfer und Freunde nicht in Gefahr bringen. RM - der verstummte Prophet.

  5. Vollendung – Tod, Verehrung, Seligsprechung(1945 -3.5.1987)

    Die Kraft war verbraucht, und das Werg fast abgebrannt. Das Auto, das Kardinal von Faulhaber geschickt hatte, brachte RM nach München. In das zerstörte München. Er sprach als erstes mit dem Kardinal. Und dann begann er als „15. Nothelfer“ seinen Menschen Trost und Hilfe zu bringen – wie vorher. „Die Kirche Gottes braucht Mitarbeiter aus allen Kreisen unseres Volkes … mit ganzer Kraft sich einsetzten für die Kirche Gottes“ das waren sein Handeln und seine Motivation.

    Am 1. November 1945 hält er um 8.00 Uhr die Morgenmesse in St. Michaelis. Mit den Worten „Es ist der Herr“ verstarb er mitten bei der Opferbereitung.16) Die Trauer war groß. Tausende waren bei der Beerdigung auf dem Friedhof des Berchmannskolleg in Pullach. Pullach wurde zu einem Wallfahrtsort. Man beschloss, RM nach München zurück zu holen. Am 21. Mai 1948 wurde er in der Unterkirche des Bürgersaals – gleich neben St. Michaelis – überführt. Am 26. Juni 1950 eröffnete Kardinal von Faulhaber den Seligsprechungsprozess. Das Verfahren war langwierig. RM wurde aber nicht vergessen. In regelmäßigen Beiträgen, die man am Schriftenstand der Bürgersaal-Kirche erwerben kann, wird an RM mit den „Gebetserhörungen am Grab von Rupert Mayer SJ“17) erinnert. (Im Januar 1979 bereits die 182. Folge).
    Am 3. Mai 1987 spricht Papst Johannes Paul II. RM selig. Der Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter hat diese Bitte ausgesprochen.
    „Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n ….“ Das Lieblingsgebet von RM ist zu Ende gesprochen.
    Eine Zusammenfassung: RM als Person der Vergangenheit, als Vorbild für uns heute? Diese Frage mag jeder für sich beantworten.

    Für unser Cartell, unsere Gemeinschaft ist er die personifizierte Aufforderung, sich für eine christliche Staats- und Gesellschaftsordnung einzusetzen.

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