| Kirche | J. Fiedler

Exegese und Hermeneutik – Erfahrungen mit der Schrift-Lektüre.

Die Sprache ist nicht nur ein Hauch. Wenn wir sprechen, sprechen wir von etwas, aber dieses Etwas ist an sich unbestimmt.Deshalb: Sprechen wir je von etwas, oder sprechen wir über nichts Angenommen, die Sprache sei etwas anderes als das Zwitschern der Vögel, kann man beides klar unterscheiden oder kann man es nicht? (Zhuangzi, chines. Denker, zit. bei J. F. Billeter: Paradigma. Berlin, 2017)

Dies ist keine wissenschaftliche, keine theologische Abhandlung, sondern nur der Bericht über Erfahrungen und dem daraus erwachsenen Denken. Also: eine Übung – und ist eine mich begleitende Reflexion in einem Kurs, den ich in der Bischöflichen Akademie in Aachen besuche (Lektüren in der Hebräischen Bibel).

 

Wahrheit in eleatischen Sinn *) ist mit hermeneutischen Verfahren nicht zu erreichen. So steht es auch mit der Exegese der Schrift – der Heiligen Schrift, irgendeiner Schrift - , deren wahrhaftige Aussagen, Erklärungen, Erzählungen in Frage stehen. Die Buchstaben, das jeweilige Alphabet, das dem geschichtlichen phonetischen Zusammenhang entwachsen und statisch geworden ist, und die auch aus dem Gesprochenen, das uns auf immer unerkannt bleiben wird, herausgebildete Grammatik sind eine Mauer, an der wir uns abarbeiten, ja die Gedanken blutig reißen, denn wir kommen nie weiter als bis – vielleicht – an den Putz, der unentwegt blättert, fault, sich einfärbt, allen nur denkbaren Schwankungen ausgesetzt ist. Und doch haben wir Texte, also Texturen, Gewebtes, aus Grammatik und Buchstabensymbolen Gewebtes, die wir mit Erkenntnis, Wissen und Wahrheit zusammenbringen. Wir lassen uns nicht davon abbringen, dass hinter dieser Mauer aus Zeichen und Regeln und zugleich mit ihnen zusammen das uns gegeben werden könnte, was wir Wahrheit nennen. So etwa lesen wir den Brief eines Freundes; dieser Brief ist wichtig; den Freund haben wir sehr lange nicht gesehen; über Jahre mit ihm nicht gesprochen. Seine Handschrift – wenn Handschrift überhaupt noch üblich ist – nimmt uns gefangen. Seine Wortwahl, sein Stil, seine grammatischen Fehler, - in allem erkennen wir ihn, so wie wir ihn gekannt haben. Und nehmen wir weiter an, dass dieser Brief einen langen Weg hinter sich hat, und nehmen wir an, dass wir – wie auch immer – von seinem Sterben erfahren – einige Tage, nachdem wir mit großer Freude und großer Zuneigung und noch heftigerer Erinnerung seinen Brief gelesen haben. Ja, wir waren sogleich mit dem Gedanken vertraut, ihm zu antworten. Vielleicht ihn anzurufen, vielleicht mit ihm eine Begegnung herbeisehnend. Vorbei.

Es bleibt der Brief, bleibt die Erinnerung. Hier, an diesem Punkt, beginnt die exegetische Arbeit. Ich habe ja nichts anderes als diesen Brief. Ich habe gewiss Geschichten, die meinem, seinem, unserem Leben angehören. Ich erzähle sie mir und anderen, ich schreibe sie auf. Ich höre von Freunden, die uns beide gut kennen, Erinnerungen in einer Weise, wie ich selbst sie nicht in meiner Phantasie habe. Phase für Phase, Schicht um Schicht wird das Gewebe dichter, die das Leben meines Freundes aufbewahrt. Die Geschichte dieses Gewebes erzähle ich mir in meinem schweigenden Gedächtnis, das sich mir mit Bildern und Stimmungen versieht, die mich – wenn ich mich bemühe – nicht vergessen lassen: „Das ist er!“.

Ich suche nach Wegen (Methoden!), auf denen ich gehen könnte, um ihm in meinem Gedächtnis begegnen zu können. Ich rüste mich systematisch. Ich werde versuchen, sich widersprechende Erinnerungsstücke zu harmonisieren oder aber eines von beiden als Täuschung zu verwerfen. Und der Brief macht die Runde. Er wird – manchmal nur in Teilen – abgeschrieben; mancher rühmt sich, ihn – diesen wunderbaren Freund - gekannt zu haben. Das Gewebe der Erinnerung, des Gedächtnisses, der Bewunderung, der Verklärung wird dichter, unübersichtlich, weiter … Jetzt sind auch andere Menschen im Spiel. Vielleicht Menschen, die ich gar nicht kenne, von denen mir überhaupt nicht bekannt ist, dass sie sich mit meinem Freund, mit seinem Brief befassen.

Die exegetische Arbeit der anderen setzt ein – und wird auf eigene Weise wirkungsvoll, hat ihre eigenen Regeln, nach denen sie sich zunehmend ausdifferenziert und schließlich nach ihrer Vollendung sucht.

Nun – soweit mein „Brief“, mein „Freund“. Die Arbeit an überlieferten Texten dürfte im Kern nicht anders sein. Wenn uns ein Text vorgelegt wird, dann stehen wir, wenn wir ihn verstehen wollen, vor der Mauer aus Alphabet und Grammatik; wir wollen durch sie hindurchsehen und auf den Kernbestand an Wahrheit zugreifen können.

Wir können nicht. Die Mauer ist stabil, hat ihre eigenen Konturen, ist an manchen Stellen verputzt, unterschiedlich gefärbt. So also mit diesen Bedenken und Bildern verlassen wir den Brief und unseren Freund und wenden uns einem uns vorlegten Text zu. Wenn er als heilig, inspiriert, prophetisch, eschatologisch, apokalyptisch gottgegeben eingeordnet wird, dann haben wir es wohl mit besonderer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu leisten: das Deuten, Verstehen, Lesen, Vortragen, Weitergeben (Tradieren). Schließlich sind wir angewiesen auf Lesarten, Textverderbtheiten, neue Einsichten in grammatikalische Strukturen. Euphorisch dankbar sind wir, wenn wir ganz nah an – so nennen wir sie – Originale herankommen, Fetzen von Stoff, von Häuten von Steinen, von Papierfasern. Doch wir erkennen, und das ist eine Erschütterung ohnegleichen, dass wir einen Autor nicht finden können. (Wir kratzen am Mörtel der Mauer und durchdringen nichts, holen uns blutige Fingerspitzen oder zerbrechen das Werkzeug.) Manchmal stützen wir uns auf einen textus receptus und sagen, dass anerkannte und überzeugende, charismatische, inspirierte Autoritäten einen Textbestand als gültig betrachten. Das ist gewiss viel wert; denn wir können nun unsere Arbeit vor der Mauer beginnen: Grammatik, Stil, Sprache, Metaphorik, Sprache (Übersetzung oder „Original“) … Doch auch hier holt uns unsere Skepsis ein. Rat und Weisung können wir in Hans-Georg Gadamers „Wahrheit und Methode“ finden: „Wir gehen davon aus, dass in der sprachlichen Fassung der menschlichen Welterfahrung nicht Vorhandenes berechnet oder gemessen wird, sondern das Seiende, wie es sich dem Menschen als seiend und bedeutend zeigt, zu Worte kommt. Darin – und nicht in dem methodischen Ideal der rationalen Konstruktion, das die moderne mathematische Naturwissenschaft beherrscht – vermag sich das in den Geisteswissenschaften geübte Verstehen wiederzuerkennen. (…) Wie die Dinge, diese durch Eignung und Bedeutung konstituierten Einheiten unserer Welterfahrung, zu Worte kommen, so wird auch die Überlieferung, die auf uns kommt, erneut zur Sprache gebracht, indem wir sie verstehen und auslegen.“

So sollten wir doch unterlassen, die vor uns errichtete Mauer zu bearbeiten; und so sollten wir denen zuhören, die uns darüber berichten, wie in der Vergangenheit mit den Texten gearbeitet wurde, die uns – scheinbar nur objektiv – gegeben sind. Damit begeben wir uns in das Reich der „Geschichtlichkeit“, wir bewegen uns auf den Grundsatz zu, dass Wahrheit nicht vorhanden ist, wenn auch verdeckt, sondern dass Wahrheit erarbeitet werden muss in der Verknüpfung eigenen Könnens mit denen, die vor uns lebten und nachdachten und schrieben. Das Gespräch, das wir über die Zeiten und Räume hinweg führen, es hat nie begonnen und es wird nie enden. – einem Weg folgend. Das geht nur, wenn wir uns des Rüstzeugs bedienen, das für den Weg, den wir zurücklegen wollen, geeignet ist. Historische Kenntnisse, Grammatik, Begriffsgeschichte, - all das muss erarbeitet sein, zumal wenn es um eine Sprache wie das Alt-Hebräische geht, - wenn es um eine Schrift geht, die in einer unbestimmten Weise als heilig bestimmt ist. Th. Söding hat in seinem Buch „Wege der Schriftauslegung“ (1998) eine Übersicht zu maßgeblichen Methoden erstellt, mit der wichtige Schritte der Exegese erfasst werden. Daraus nun zwei kurzgefasste Theoreme:

1. Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn, wie er sich schon in der Antike ausgebildet hat und bis auf den heutigen Tag für die Hermeneutik wichtig ist: Der eigentliche Sinn einer kanonisierten („heiligen“) Schrift ist nicht in seiner Oberfläche zu finden (wenn denn überhaupt diese Bildhaftigkeit zulässig ist!), sondern ist verborgen und muss Schicht für Schicht herausgebrochen werden (Arbeit in einem Stollen, in dem wir Gold vermuten und sehr lange nur auf Schiefer stoßen). Die Buchstaben, Wörter, Sätze Texte (!) sind – anders gesagt - eben ein Webwerk, in dessen Verschlüsselung einzudringen ist. Im 13. Jahrhundert ist ein Merkvers erarbeitet worden:

Littera gesta docet,
quid credas allegoria,
moralis quid agas,
quod tendas anagogia.

Der Buchstabe lehrt, was geschehen ist;
was zu glauben ist, lehrt die Allegorie;
was zu tun ist, lehrt der moralische Sinn;
was zu erstreben ist, lehrt die Anagogie.

2. Die historisch-kritische Exegese will der historischen Wahrheit nachgehen. Hergebrachte Meinungen, dogmatische Grundsätze werden aufgebrochen. Leidenschaftlich wird akribisch philologischen Fragestellungen nachgegangen. Evangelisten und Apostel werden als „Berichterstatter“ betrachtet, die je eigene Interessen ihren Texten unterlegen. Die Frage nach der ältesten Quelle und die Frage nach dem wirklichen (!) Leben Jesu stehen im Zentrum. Religionsgeschichtliche Forschungen öffnen sich Phänomenen, die scheinbar außerhalb der biblischen Tradition liegen, und nehmen sich der Frage an, welche begrifflichen, logischen, philosophischen Traditionen aus anderen Religionen und philosophischen Systemen in die Schriften der Bibel hineingenommen wurden.

Und wenn die wissenschaftlichen Methoden der Exegese erarbeitet sind, dann kann sich die Kunst der Lectio divina entfalten, wie sie der australische Trappist M. Casey in seinem Büchlein „Lectio divina“ erörtert: „Unsere Lesung stellt einen ersten Kontakt mit Gottes Wort her. Wenn diese Beziehung zum Blühen kommen soll, müssen wir die Schranken niederbrechen, die wir zwischen Gott und bestimmten Bereichen unseres Lebens aufgerichtet haben. Wir sind eingeladen, wie Maria, die Mutter unseres Herrn, das Wort im Herzen zu bewahren und zu bedenken.“ In seiner Regel hat der Hl. Benedikt die „lectio“ insbesondere für die Fastenzeit (Kapitel 49) als unabdingbar dargestellt.)

Das setzt voraus, dass „die Schrift“ als Einheit zu betrachten ist, eine Einheit, die sich stetig neu erschließen lässt. So hat es Günter Stemberger – bezogen auf die Tora - gesagt: „Die Tora ‚ist zur Auslegung‘ gegeben. Dieser rabbinische Grundsatz ist ernstzunehmen. Der Text ist nicht etwas Fertiges: Der Empfänger muss sich ihn erst zu eigen machen, durch Auslegung sich aneignen. (…) Erst der Leser macht die Bibel zu dem, was sie ist.“

Und das lässt sich (mit Casey) zusammen erweitern: Der Leser macht die Bibel zu dem, was sie ist; und die Lektüre – lectio divina – macht den Leser der Bibel zu dem, was er sein soll: einen Menschen, der in einem nie endenden Gespräch mit der Schrift und mit den anderen ist, die mit ihm und manchmal gegen ihn lesen. Lesen, lesen und mit einander sprechen. Eine unendliche Geschichte – die Geschichte, die sich um den Namen Gottes flicht; denn etwas anders haben wir nicht: nur den Namen, den Namen Gottes.

Diese Bücher waren und sind mir wichtig:
Regula Benedicti. Beuron, ca. 1992. Lat und dt.
M. Casey: Lectio divina. Stankt Ottilien, 2009. Aus dem Engl.
Chr. Dohmen, G. Stemberger: Hermeneutik der Jüdischen Bibel und des Alten Testaments. Stuttgart et., 1996.

*) "Das schlussfolgernde Denken ist unfehlbarer Richter über Sein und Nichtsein. Nichts unmittelbar Gegebenes darf ohne weiteres als wirklich hingenommen, alles muss erst ‚begründet‘ werden. Nur das Erklärbare ist wirklich. Was man nicht in widerspruchsfreie Aussagen fassen kann, das gibt es nicht. Dass der Widerspruch durch Mängel der Begriffe verursacht sein könnte, steht außerhalb jeder Erörterung." (So Metzger in seinem richtungsweisenden Psychologie-Lehrbuch)

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