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Erzbischof em. Friedrich Kardinal Wetter zur Seligsprechung von Pater Rupert Mayer

C: Whuke (Self-photographed) [CC BY-SA 2.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Pater Rupert Mayer ist ein großes Geschenk Gottes an uns. Unvergessen ist sein Wirken als Apostel der Caritas. Unzähligen Menschen hat er geholfen in all ihren Nöten, in den Nöten des Leibes und der Seele. Viele kamen zu ihm, um bei ihm zu beichten oder seinen Rat zu erbitten. Keiner ging weg von ihm, ohne eine Hilfe empfangen zu haben. Wer sich in dieses Leben vertieft, kann nur staunen. Pater Rupert Mayer hat Unglaubliches geleistet. Und bis heute ist er unzähligen ein helfender Begleiter.

Dem christlichen Volk war seit langem klar, dass P. Rupert Mayer in der Freude des Himmels bei Gott lebt. Es war für uns eine große Freude, dass vor 30 Jahren Papst Johannes Paul II. zu uns nach München gekommen ist, P. Rupert Mayer im Olympiastadion selig gesprochen und ihn uns als Vorbild christlichen Lebens vor Augen gestellt hat.

Wir wissen uns durch Pater Rupert Mayer reich beschenkt. Doch was ist das größte Geschenk, das wir unserem Seligen zu verdanken haben? Das ist das Zeugnis seines Lebens. Dieses Zeugnis wird sichtbar in seinem unerbittlichen Kampf gegen den Nationalsozialismus mit seiner gottlosen und menschenverachtenden Ideologie. P. Rupert Mayer hat diese Verführer von Anfang an durchschaut, während viele lange nicht merkten, in welches Unheil diese Irrlehre führte.

Unbekümmert um Bespitzelung und Verhaftung hat Pater Mayer dagegen gekämpft und war bereit, auch mit seinem Leben für Gott und seine Kirche Zeugnis zu geben. In ihm brannte ein Feuer, das nicht zu löschen war.

Die Nationalsozialisten brachten ihn ins KZ. Am liebsten hätten sie ihn umgebracht. Doch das wagten sie nicht, weil viele Menschen zu ihm standen. Seine Ermordung hätte zu einer Revolte geführt. Darum machten sie ihn mundtot, indem sie ihn nach Ettal brachten, ihm verboten, das Kloster zu verlassen und ihm jede seelsorgliche Tätigkeit untersagten.

Ehe er nach Ettal kam, schrieb er aus dem KZ in seiner völlig aussichtslosen Lage einen Brief an seine betagte Mutter, der das Datum vom 16. Januar 1940 trägt. Darin heißt es: „Jetzt habe ich wirklich nichts und niemand mehr als den lieben Gott, und das ist genug, ja übergenug. Wenn das die Menschen doch einsehen wollten, es gäbe viel mehr Glückliche auf Erden.“

Mit diesen Worten lässt er uns in sein Inneres schauen. Da brannte ein Feuer, das sich an Gott entzündet hatte. Pater Mayer hatte sich von Gott ergreifen lassen; er wusste sich ganz in seiner Hand und von ihm durch alle Gefährdungen hindurchgetragen. Das Feuer, das in ihm brannte, war seine Liebe zu Gott. Ihn liebte er aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all seinen Kräften (Mt 22,37) Denn Gott allein genügt, wie die hl. Teresa von Avila sagt. Und er genügt nicht nur, er macht sogar glücklich, ja überglücklich. P. Rupert Mayer hat an Gottes Hand gelebt. Der lebendige Gott war die Quelle, aus der er Kraft schöpfte. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis seines beeindruckenden Lebens.

Dieses Zeugnis ist das kostbare Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat. Es ist genau das, was wir heute brauchen, was die Kirche in unserem Land heute braucht. Seit Jahrzehnten erleben wir einen Rückgang nicht nur der Priester und Ordensleute, sondern auch der Christen, die am Leben der Kirche teilnehmen. Die Kraft, den Glauben an die kommende Generation weiterzugeben, hat nachgelassen und zeigt kaum noch eine Wirkung.
Das sind Zeichen von Schwäche. Was uns fehlt, ist die Nähe zu Gott, der Quelle unseres Lebens.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Gott weithin nicht mehr vorkommt. Viele Menschen glauben, alles zu haben, und merken nicht, dass ihnen das Wichtigste fehlt, nämlich Gott. Die Säkularisierung hat ein Ausmaß erreicht, wie das in früheren Zeiten wohl nie der Fall war. Woher kommt das? Nicht Gott hat sich von uns abgewandt, sondern wir Menschen wenden uns von ihm ab.

Auch wir Christen müssen uns fragen, wie eng unsere Bindung an Gott ist. Die Rückgänge des kirchlichen Lebens bei uns nötigen uns zu dieser Gewissenserforschung. Wie steht es um unsere Gottesnähe? Hat er noch seine Hand in unserem Leben? Leben wir an seiner Hand, oder haben wir unser Leben selbst so in die Hand genommen, dass wir ihn nicht brauchen, nur in Notfällen, wo wir keinen Ausweg sehen?

Diesen Mangel können wir nicht mit Programmen, Tagungen, klug ersonnenen Strategien und organisatorischen Maßnahmen reparieren. Es wird gesagt, die Kirche müsse sich der Entwicklung der modernen Welt anpassen. Natürlich müssen wir realistisch auf die Welt schauen, in der wir leben und zu der wir gehören. Aber das Maß unseres Lebens ist nicht die Welt, sondern das Evangelium. Wir haben darum tiefer anzusetzen und Maß zu nehmen an Jesus Christus und ihm nachzufolgen.

Genau das hat Pater Rupert Mayer getan. Er hat sich ganz an Jesus Christus ausgerichtet und sich an ihm festgehalten, allen Widerständen zum Trotz. Er ist nicht dem Geist seiner Zeit nachgelaufen, sondern ist Jesus nachgefolgt. Darum war er auf der Höhe der Zeit, allen anderen voraus. Damals hat man das nicht erkannt, heute aber liegt es offen vor aller Augen, wie Pater Mayer der Zeit voraus war, weit voraus. Damit lebte er auf der Höhe seiner Zeit, weil er genau das tat, was notwendig war.

Das müssen auch wir heute tun, uns nach Jesus ausrichten und uns an ihm festhalten. Denn in Jesus Christus ist Gott zu uns gekommen. Wenn wir an ihm festhalten, dann haben wir Gott, wovon P. Rupert Mayer sagt, das ist genug, ja übergenug. Dann beginnt auch in uns jenes Feuer zu brennen, das unseren Seligen ergriffen hat.

Dann wird die Kirche wieder anziehend wirken, wie Rupert Mayer. Zu ihm kamen die Leute in Scharen, obwohl sie beobachtet, z. T. sogar registriert wurden. So anziehend muss sie Kirche werden, dass die Leute ihr nicht weglaufen, sondern kommen, weil sie in ihr Gott finden. Diese Anziehungskraft haben wir nicht aus uns, sondern von Jesus. Er hat versprochen: „Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“ (Joh 12,32). Das will er auch heute tun, aber durch uns. Darum müssen wir uns von Jesus so erfassen lassen, dass er unser ganzes Leben durchformt und das Feuer der Gottesliebe in uns brennt, wie P. Rupert Mayer es uns vorgelebt hat.

Dieses Feuer zu entzünden, ist unser aller Aufgabe. Wir Hirten der Kirche, Bischöfe und Priester, müssen vorangehen und als gute Hirten den Weg weisen. Aber alle müssen mitmachen, alle ohne Ausnahme Das kostet auch etwas, Verzicht auf manches, was uns gefällt. Aber leer geht dabei niemand aus, keiner kommt zu kurz. Denn Gott zu haben, bei ihm zu sein, ist genug, ja übergenug, wie P. Rupert Mayer aus dem KZ an seine Mutter schrieb; und dabei werden wir auch noch glücklich. Das bezeugt uns unser Seliger: „Jetzt habe ich wirklich nichts und niemand mehr als den lieben Gott, und das ist genug, ja übergenug. Wenn das die Menschen doch einsehen wollten, es gäbe viel mehr Glückliche auf Erden.“ So und nur so wächst die Anziehungskraft der Kirche wieder. Beim Propheten Sacharja heißt es: „In jenen Tagen werden zehn Männer aus Nationen aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch“ (Sach 8,23). Dieses Wort des Propheten gilt auch uns heute. In unseren Tagen sollte dies ebenfalls geschehen, dass die Menschen zu uns kommen und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.

Das möge unserer Kirche in unserem Land und uns allen auf die Fürbitte unseres hochverehrten Seligen P. Rupert Mayer geschenkt werden, dass wir ermutigt durch das Zeugnis seines Lebens und entfacht von seinem Feuer seiner Gottesliebe unseren Glauben so froh und engagiert leben und die Menschen kommen, weil sie sehen und erfahren: Gott ist mit uns!

Amen.

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